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Biodiversität

Insekten in der Stadt: Blumen allein genügen nicht

Marie 9. Juni 2026
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Eine Hummel auf einem Beinwell (Symphytum officinale). Nur Bestäuber mit langen Zungen kommen beim Beinwell an den Nektar heran. (c) Marcus Schmidt

Insekten in der der Stadt: Eine Hummel auf einem Beinwell (Symphytum officinale). Nur Bestäuber mit langen Zungen kommen beim Beinwell an den Nektar heran. (c) Marcus Schmidt

Wer Bestäuber wie Wildbienen, Hummeln, Schwebfliegen oder Käfer fördern will, muss die Stadt als Lebensraum verstehen – nicht nur als Ansammlung schöner Beete. Blumen sind für Insekten in der Stadt wichtig, aber sie lösen das eigentliche Problem nicht.

Die aktuelle Forschung zeigt genau das: In dicht bebauten Quartieren entscheidet nicht allein das Blütenangebot darüber, ob Insekten Nahrung finden und Pflanzen bestäuben. Ebenso wichtig sind geeignete Nistplätze, Rückzugsräume, zusammenhängende Grünflächen und die Frage, ob sich Arten überhaupt durch das Stadtgefüge bewegen können.

Entscheidend ist dabei auch, dass unterschiedliche Insekten ganz verschiedene Ansprüche haben. Was für Hummeln noch funktioniert, reicht für Schwebfliegen oder Käfer oft nicht aus. Dieser Beitrag ordnet ein, warum urbane Biodiversität mehr braucht als Blütenpracht, welche Insekten in der Stadt profitieren und weshalb die Perspektive vom einzelnen Garten auf das ganze Quartier erweitert werden muss.

In diesem Kontext erläutert Dr. rer. nat. Merin Reji Chacko, Postdoc Better Gardens Projekt an der Eidg. Forschungsanstalt WSL — deren Forschungsarbeit Muster und Treiber biologischer Vielfalt untersucht und die Vernetzungen zwischen Arten analysiert — prägnant: „Ein eigener Garten macht es sicher einfacher, gezielt biodiversitätsfreundliche Entscheidungen zu treffen. Wer keinen eigenen Garten hat, kann sich jedoch an der Pflege gemeinschaftlicher Grünflächen beteiligen, beispielsweise in Wohnanlagen oder Gemeinschaftsgärten. Das schafft nicht nur Nahrungsquellen (mehr Blumen) für Bestäuber, sondern auch Nistmöglichkeiten und Lebensräume für die Larvenentwicklung.“

Warum Blüten in der Stadt nur ein Teil der Lösung sind

Ein blütenreicher Garten wirkt auf den ersten Blick wie ein Gewinn für die Natur. Er bietet Nahrung, zieht Bestäuber an und vermittelt das Gefühl, selbst etwas für die Artenvielfalt zu tun.

Das ist nicht falsch — aber unvollständig. Insekten benötigen nicht nur Nektar und Pollen, sondern auch Strukturen, in denen sie leben, sich fortpflanzen und ihren Lebenszyklus abschließen können. Eine Blume kann ein Insekt anlocken, aber wenn in der Umgebung kein geeigneter Ort für Nestbau, Brut oder Entwicklung vorhanden ist, bleibt der ökologische Nutzen begrenzt. Für viele Arten ist deshalb nicht nur die einzelne Pflanze entscheidend, sondern die funktionale Ausstattung des gesamten Mikrohabitats. Genau darin liegt der häufigste Denkfehler: Nahrungsangebot wird mit Lebensraum gleichgesetzt, obwohl beides ökologisch nicht dasselbe ist. „Alternativ kann – selbst wenn die Blüte verfügbar ist – die umgebende Landschaft dazu führen, dass der Bestäuber sie niemals erreicht. Das gleicht der Situation, einen schönen Kuchen zu haben, ihn dann aber in einem Kühlschrank einzuschließen“, so Dr. rer. nat. Reji Chacko.

Dr. rer. nat. Marco Moretti, Projektleiter des Better Garden Projekts, fügt hinzu: „Viele Wirbellose benötigen, um ihren Lebenszyklus zu vollenden und ihre täglichen Bedürfnisse zu befriedigen, eine Vielzahl unterschiedlicher Lebensräume, in denen sie Nahrung (zum Beispiel Blumen für Bienen und Schwebfliegen) finden und Fortpflanzungsorte (zum Beispiel im Boden für einige Solitärbienen oder in Totholz für bestimmte Schwebfliegen- und Käferarten oder Tümpel für Libellen und andere semi-aquatische Insekten) um ihren Fortbestand zu sichern.

Gerade in Städten wird dieser Zusammenhang oft übersehen. Dort ist die Fläche zwar groß, aber nur ein kleiner Teil davon ist für Insekten tatsächlich nutzbar. Versiegelte Böden, dichte Bebauung, wenige Übergangsflächen und isolierte Grüninseln machen es vielen Arten schwer, passende Bedingungen zu finden. Hinzu kommt, dass urbane Grünflächen häufig intensiv gemäht, aufgeräumt oder in ihrer Struktur stark vereinfacht werden. „Oder sie werden für die Anwohner schön und attraktiv gestaltet, mit vielen Blumen, Formen und Farben, wobei jedoch andere Elemente und Strukturen außer Acht gelassen werden, die vielleicht etwas weniger ästhetisch sind (wie Totholz und Brachflächen), für viele Arten jedoch von grundlegender Bedeutung sind“, merkt Dr. Moretti an.

So kann ein Garten voller Blüten für manche Tiere eine wertvolle Station sein, für andere bleibt er dennoch unerreichbar. Die zentrale Frage lautet deshalb nicht nur: „Welche Blumen wachsen dort?“ Sondern vor allem: „Ist dieser Ort für Insekten als Lebensraum überhaupt geeignet?“

Wer diese Unterscheidung versteht, erkennt schnell, warum ein einzelnes Beet noch keine insektenfreundliche Stadt macht. Erst wenn Nahrung, Struktur und Raum zusammenkommen, entsteht ein wirklich tragfähiger Lebensraum.

Was die Zürcher Studie über Stadtinsekten sichtbar macht

Ein aktuelles Forschungsprojekt aus Zürich hat genau diese Frage untersucht. Die Forschenden beobachteten in 24 Stadtgärten, welche Insektenarten welche Blüten besuchen und wie gut die Pflanzen anschließend bestäubt werden.

Dabei wurden Gärten in unterschiedlich stark verdichteten Stadtteilen verglichen. Das Ergebnis ist aufschlussreich: Ein reiches Blütenangebot hilft zwar bestimmten Bestäubern, aber nicht allen. Vor allem in dichter bebauten Innenstädten zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Insektengruppen. Entscheidend ist dabei nicht nur, wie viele Blüten vorhanden sind, sondern auch, wie leicht sie zugänglich sind und ob die umliegende Landschaft überhaupt ein dauerhaftes Vorkommen der Tiere zulässt.

Besonders deutlich wurde, dass größere soziale Wildbienen wie Hummeln auch in stark verdichteten Stadtlagen von blütenreichen Gärten profitieren können. Sie sind kräftig genug, um zwischen einzelnen Blüteninseln zu pendeln, und erreichen selbst dort noch Nahrung, wo andere Arten bereits aus dem Stadtbild verschwinden.

Auch kleinere solitäre Wildbienen können von einem vielfältigen Angebot profitieren, sofern sie passende Blüten und zugleich geeignete Lebensbedingungen vorfinden. Doch Schwebfliegen und Käfer tauchen in diesen Quartieren deutlich seltener auf — unabhängig davon, wie attraktiv der einzelne Garten aussieht. Das verweist auf eine doppelte Filterwirkung aus Landschaftsverdichtung und lokaler Habitatqualität. „Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass kleine solitäre Bienen stärker auf Nahrungsquellen in der Nähe ihrer Nistplätze angewiesen sein können und – zumindest für einen gewissen Zeitraum – von einem einzigen Standort aus überleben können. Kleine soziale Bienen hingegen sammeln Nahrung in größeren Gebieten und transportieren sie zu ihren Nestern; während große soziale Bienen aufgrund ihrer höheren Mobilität auch stark urbanisierte Bereiche durchqueren und dort Nahrung sammeln können, fällt dies kleinen sozialen Bienen schwerer“, erläutert Dr. Reji Chacko.

Das bedeutet auch, dass ein gut gepflegter Privatgarten nicht automatisch alle Insektenarten erreicht, selbst wenn er auf den ersten Blick sehr naturnah wirkt. Dr. rer. nat. Reji Chacko ordnet das so ein: „Wir haben festgestellt, dass blütenreiche Gärten sowohl mehr kleine Solitärbienen als auch große soziale Bienen unterstützen können. Kleine Solitärbienen können in kleinen, fragmentierten Lebensrauminseln überleben, während große soziale Bienen wie Hummeln trotz der Herausforderungen, die das Durchqueren einer dichten städtischen Matrix aus ungeeigneten Lebensräumen mit sich bringt, längere Strecken zurücklegen können.“

Damit wird ein wichtiger Punkt sichtbar: Ein Garten kann für einige Bestäuber ein Erfolg sein und gleichzeitig für andere kaum eine Rolle spielen. Die Stadt funktioniert ökologisch nicht nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip.

Vielmehr entscheidet die Kombination aus Nahrung, einem Mosaik aus verschiedenen Mikrohabitaten und räumlicher Verbindung darüber, welche Arten bleiben und welche verschwinden. Wer also wissen will, warum manche Insekten in der Stadt fehlen, muss nicht zuerst nach der Anzahl der Blüten fragen, sondern nach der Qualität des umliegenden Lebensraums.

Welche Insekten profitieren — und welche nicht

Nicht alle Insekten reagieren gleich auf städtische Bedingungen. Das hängt mit ihrer Größe, ihren Flugfähigkeiten, ihren Mundwerkzeugen und ihren ökologischen Ansprüchen zusammen. Hummeln etwa gehören zu den robusteren Bestäubern.

Sie können größere Distanzen überwinden und erreichen auch Gärten, die von versiegelten Flächen umgeben sind. Deshalb finden sie in blütenreichen Innenstädten eher noch geeignete Nahrungsinseln. Ihr Vorteil ist also nicht nur ihre Größe, sondern auch ihre relative Mobilität im fragmentierten Stadtraum. Allerdings sagt Beweglichkeit allein noch nichts darüber aus, ob die Populationen langfristig stabil bleiben.

Kleinere Wildbienen können ebenfalls profitieren, wenn sie nicht nur Nahrung, sondern auch Nistmöglichkeiten finden. Gerade Arten mit längeren Mundwerkzeugen sind in der Lage, bestimmte Blüten zu nutzen, deren Nektar tiefer verborgen liegt. Dadurch wird sichtbar, dass nicht allein die Menge des Angebots, sondern die Übereinstimmung zwischen Blütenform und Bestäubermerkmalen über die Nutzung entscheidet.

Für sie ist das Angebot eines Gartens nicht allein von der Anzahl der Blüten abhängig, sondern von deren Form und Zusammensetzung. Das bedeutet: Mehr Blumen sind nicht automatisch besser, wenn sie nur einen kleinen Teil der Insektenvielfalt ansprechen. Ein scheinbar üppiges Angebot kann also ökologisch erstaunlich einseitig sein.

Dr. rer. nat. Reji Chacko macht deutlich: „Schwebfliegen, kleine soziale Bienen und Käfer benötigen jedoch mehr als nur blütenreiche Gärten. Sie sind auch auf ergänzende Lebensräume und eine gute Vernetzung zwischen diesen Lebensräumen angewiesen.“

Schwebfliegen benötigen nicht nur Blüten, sondern auch ein Umfeld, das ihnen und ihren Larven Lebensraum bietet. Viele Käfer wiederum sind auf Totholz, lockeren Boden oder andere strukturreiche Bereiche angewiesen. Gerade bei Schwebfliegen ist zudem zu beachten, dass die Larven oft ganz andere Ressourcen nutzen als die Adulttiere.

In stark verdichteten Quartieren fehlen genau diese Elemente häufig. Die Folge ist nicht nur, dass diese Arten seltener vorkommen — auch die Pflanzen, die auf sie als Bestäuber angewiesen sind, werden dort weniger zuverlässig besucht.

Für Laien ist das oft überraschend, weil eine blühende Fläche visuell nach „Natur“ aussieht, biologisch aber nur einen Ausschnitt des benötigten Spektrums abdeckt. Entscheidend ist deshalb nicht die Menge an Blüten allein, sondern die Passung zwischen Pflanzen, Insekten und Umgebung.

Warum die Form der Blüte über die Zugänglichkeit für Bestäuber entscheidet

Ob ein Insekt eine Blüte nutzen kann, hängt auch von seiner körperlichen Ausstattung ab. Die Länge der Mundwerkzeuge spielt eine entscheidende Rolle.

Hummeln mit langen Zungen erreichen auch tiefer liegenden Nektar, während andere Insekten auf offenere Blüten angewiesen sind. Das ist kein Detail, sondern ein zentraler Schlüssel zum Verständnis jeglicher, also auch urbaner Bestäubung.

Die sichtbare Blüte kann also dieselbe sein, doch ihre „Nutzbarkeit“ unterscheidet sich je nach Insektenart erheblich. Viele Pflanzen sind evolutionär auf bestimmte Bestäubergruppen abgestimmt. Eine Blüte mit tief verborgenem Nektar ist für kurzmäulige Insekten kaum nutzbar, selbst wenn sie in großer Zahl vorhanden ist.

Umgekehrt können offene Blüten von vielen Arten besucht werden, bieten aber nicht automatisch dieselbe Bestäubungsqualität für alle Pflanzen. „Wir haben zudem festgestellt, dass bei den Blüten mit offenen Strukturen, obwohl diese am häufigsten von Bienen besucht werden, der Bestäubungserfolg von den Blütenbesuchen durch Schwebfliegen abhing und nicht von den weitaus häufigeren Bienen“, merkt Dr. rer. nat. Merin Reji Chacko Chacko an. Dieses Ergebnis wiederum könnte bedeuten, dass solche offenen Blüten vorwiegend von Schwebfliegen bestäubt werden. Ein städtisches Blütenangebot muss nicht nur reich, sondern auch funktional vielfältig sein.

Es geht also nicht darum, möglichst viele Farben zu pflanzen, sondern ein Angebot zu schaffen, das unterschiedliche Mundwerkzeuge, Körpergrößen und Flugweisen berücksichtigt. Wer die Stadt als Lebensraum für Insekten verbessern will, sollte deshalb nicht allein auf Farbe und Blühdauer achten.

Entscheidend ist eine Mischung aus unterschiedlichen Blütenformen, Blühzeiten und Pflanzenarten. Erst dann entsteht ein Angebot, das verschiedene Insektengruppen tatsächlich nutzen können. Für die Bestäubung bedeutet das mehr Stabilität, für die Pflanzen mehr Chance auf Samen- und Fruchtbildung. Zusätzlich reduziert eine durchgehende Staffelung des Blühangebots das Risiko von Nahrungslücken im Jahresverlauf.

Auf diese Weise wird verständlich, warum „mehr Blumen“ nicht zwangsläufig „mehr Wirkung“ bedeutet. Dr. rer. nat. Reji Chacko ergänzt hierzu einen praktischen Hinweis zur Pflege: „Ein zweiter wichtiger Schritt ist die Reduzierung der Pflegeintensität: seltener mähen, auf Pestizide verzichten und einige weniger ordentliche, aber ökologisch wertvolle Elemente stehen lassen.“

Warum dichte Bebauung bestimmte Bestäuber ausbremst

Mit zunehmender Verdichtung verändert sich die ökologische Qualität eines Quartiers grundlegend. Asphalt, Beton, versiegelte Höfe und großflächig reduzierte Grünstrukturen, die einem englischen Rasen oder einem frisch gemähten Fußballplatz nicht unähnlich sind, schaffen Barrieren.

Für manche Insekten sind diese Barrieren überwindbar, für andere nicht. Besonders habitatgebundene Arten verlieren mit wachsender Verdichtung den Anschluss an geeignete Lebensräume. Das ist kein Randproblem, sondern ein Kernmechanismus urbaner Artenverarmung.

Schwebfliegen brauchen mehr als nur vereinzelte Blüten. Sie sind auf zusammenhängende Grünflächen angewiesen, die ihnen Ruhe-, Entwicklungs- und Nahrungshabitate bieten. Holzabhängige Käfer, die auf Totholz oder andere spezielle Brutstätten angewiesen sind, finden in stark versiegelten Gegenden kaum geeignete Orte.

Das heißt: Selbst wenn ein Privatgarten ökologisch wertvoll gestaltet ist, kann er in einer zu stark verdichteten Umgebung nur begrenzt wirken. Eine einzelne hochwertige Fläche kann ein Defizit im Gesamtquartier nicht vollständig ausgleichen. „Der Anteil privater Gärten ist in Städten recht hoch ist. Daher spielen eine ziemlich wichtige Rolle spielen. Außerdem werden sie von unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Kulturen, Erwartungen und Geschmäckern bewirtschaftet, was voraussichtlich die Vielfalt der Lebensräume und der Bewirtschaftungsformen und damit der ökologischen Nischen erhöht. Große Grünflächen wie Parks oder Wohnanlagen werden in der Regel recht homogen gestaltet und bewirtschaftet“, ergänzt Dr. Marco Moretti.

Genau an dieser Stelle zeigt sich die Grenze eines rein gartenbezogenen Blicks. Die ökologische Qualität eines einzelnen Grundstücks ist wichtig, aber sie kann die Defizite des Umlands nicht vollständig ausgleichen. Insekten brauchen nicht nur Inseln, sondern ein Mindestmaß an Verbindung zwischen diesen Inseln.

Fehlt diese Verbindung, bricht das System an unsichtbaren Stellen auseinander. Dann existieren zwar noch einzelne Pflanzen und einige Besuchsarten, doch die ökologische Funktion des Ganzen wird brüchig.

Welche Rolle Privatgärten trotzdem spielen

Trotz aller Grenzen sind Privatgärten von großer Bedeutung. Sie sind oft die Flächen, auf denen sich relativ schnell ökologische Vielfalt schaffen lässt. Schon kleine Gärten können als Trittsteine wirken, also als Zwischenstationen in einem ansonsten fragmentierten Stadtraum.

Das ist besonders wichtig in dicht bebauten Innenstädten, wo größere Grünflächen rar sind. Gerade für beweglichere Bestäuber können solche Flächen entscheidend sein, weil sie den Abstand zwischen geeigneten Lebensräumen verkleinern. Gleichzeitig erfüllen sie im Idealfall nicht nur eine Nahrungs-, sondern auch eine Struktur- und Rückzugsfunktion.

Dr. rer. nat. Reji Chacko fasst diese Netzperspektive zusammen: „Eine Stadt ist im Wesentlichen ein Netzwerk aus Lebensraumfragmenten, die verschiedene Arten zum Überleben nutzen; für viele Arten reicht ein einzelnes hochwertiges Fragment nicht aus, um eine Population zu erhalten, weil z.B. der genetische Austausch fehlt.“

Ein naturnaher Garten muss dafür nicht perfekt sein. Im Gegenteil: Zu ordentliche, monotone Flächen sind für viele Arten kaum nutzbar. Unterschiedliche Pflanzen, offene Bodenstellen, Totholz, Stauden, Laub und kleine Feuchtstellen können zusammen eine Struktur schaffen, die viel mehr Insekten anspricht als ein optisch glatter, aber ökologisch armer Garten.

Auch ein kleiner Garten kann damit eine größere Rolle spielen, als seine Fläche vermuten lässt, solange er mit anderen Gärten verbunden ist. Wichtig ist vor allem die funktionale Vielfalt, nicht die Größe allein. Dr. rer. nat. Reji Chacko beschreibt den fachlichen Planungsansatz klar: „Ein naturnaher Garten muss zunächst sorgfältig nach den Prinzipien der Natur angelegt werden. Vor allem zu Beginn ist eine sorgfältige Planung nach ökologischen Grundsätzen erforderlich: ein Mosaik aus Lebensräumen, unterschiedlichen Bodentiefen und -strukturen, einheimischen Gehölzen, kleinen Teichen, Trockenmauern und Wiesenflächen, die nur ein- oder zweimal im Jahr und fleckweise statt auf einmal gemäht werden.“

Hinzu kommt ein weiterer Vorteil: Naturnahe Gärten wirken nicht nur auf Bestäuber. Sie verbessern auch die Bodenqualität, fördern die Wasserspeicherung und können das Mikroklima positiv beeinflussen, da sie aufgrund der vielen Strukturen und mikroklimatischen Bedingungen zahlreiche mikroklimatische Nischen bzw. Räume bietet. Gerade in heißen Sommern ist das in Städten ein spürbarer Gewinn. Diese Leistungen werden im öffentlichen Diskurs oft unterschätzt, obwohl sie auch für Anwohner unmittelbar relevant sind.

Damit entsteht ein Mehrwert, der über Artenschutz hinausgeht und auch die Lebensqualität im direkten Umfeld erhöht. Wer also einen naturnahen Garten gestaltet, fördert nicht nur Insekten, sondern gleich mehrere ökologische und praktische Funktionen gleichzeitig.

Dr. rer. nat. Reji Chacko macht deutlich: „Das kann anfangs zwar einiges an Arbeit erfordern, doch mit der Zeit wird die Pflege oft weniger intensiv als in einem konventionellen Garten. Aber naturnahe Gärten fördern nicht nur die Artenvielfalt, sondern kühlen die Stadt an heißen Tagen, saugen Wasser auf, das die Kanalisation überlasten könnte, und sie steigern die Schönheit der Umgebung, nicht nur für die Garteneigentümer, sondern auch die Nachbarn. Dr. Marco Moretti bestätigt: „Naturgärten bieten eine Vielzahl von Mikroklimata, die wichtig sind, damit Arten bei Hitzewellen schnell Schutz finden und ihre Körpertemperatur regulieren können.“

Warum die Quartiersebene entscheidend ist

Die zentrale Lehre aus der Forschung lautet: Insektenfreundlichkeit darf nicht am Gartenzaun enden. Wer Bestäuber fördern will, muss das gesamte Quartier mitdenken. Denn viele Arten nutzen nicht nur eine einzelne Fläche, sondern ein Netz aus geeigneten Teilhabitaten.

Ein Garten kann Nahrung bieten, eine andere Fläche Brutplätze, eine dritte Rückzugsräume. Erst im Zusammenspiel entsteht ein funktionierender Lebensraum. Das gilt besonders in Städten, in denen räumliche Distanzen zwar klein wirken, ökologisch aber sehr groß sein können.

Für die Stadtentwicklung ist das besonders relevant. Verdichtung nach innen und oben ist vielerorts geplant oder bereits im Gange. Das kann sinnvoll sein, wenn gleichzeitig nicht zumindest ein Teil der Grünflächen mit hoher ökologischer Qualität geschützt, vernetzt und funktional aufgewertet werden. Ohne solche Ausgleichsmaßnahmen wird Verdichtung jedoch schnell zum Nettoverlust an Habitatqualität und -quantität.

Wenn jedoch jeder freie Fleck als isolierte Restfläche behandelt wird, sinkt die ökologische Leistungsfähigkeit der Stadt erheblich. Dann bleiben zwar einzelne Blüteninseln übrig, aber viele Insekten verlieren die Möglichkeit, sie sinnvoll zu nutzen. Genau hier liegt einer der wichtigsten Zielkonflikte moderner Stadtentwicklung: Nachverdichtung ist nicht automatisch schlecht, aber sie braucht ökologischen Ausgleich.

Dr. rer. nat. Reji Chacko bringt die Fragestellung auf den Punkt: „Wenn wir wollen, dass diese Arten in städtischen Gebieten überleben, müssen wir sicherstellen, dass sie sich zwischen gut vernetzten, hochwertigen Fragmenten bewegen können.“

Deshalb reicht es nicht, einzelne Vorzeigeprojekte zu schaffen. Wichtiger ist ein zusammenhängendes Gefüge aus Gärten, Grünstreifen, Innenhöfen, öffentlichen Anlagen und naturnahen Freiflächen. Eine Stadt, die Insekten beherbergen soll, braucht mehr als symbolische Blühflächen.

Sie braucht Raum, ein Mosaik aus verschiedenen Mikrohabitate und Verbindung. Erst dann kann aus vereinzelten Inseln ein tragfähiges Netzwerk werden.

Welche zusätzlichen Strukturen Insekten wirklich brauchen

Neben Blüten und Vernetzung sind es oft unscheinbare Elemente, die den Unterschied machen. Offene Bodenstellen sind für bodennistende Wildbienen wichtig. Totholz bietet Lebensraum für Käfer und andere Spezialisten.

Laubstreu schützt Mikroorganismen und Kleintiere, während kleine Wasserstellen in heißen Perioden lebenswichtig sein können. Selbst eine bewusst etwas „unordentliche“ Ecke kann ökologisch wertvoller sein als eine vollständig durchgestylte Fläche.

Gerade diese unspektakulären Strukturen sorgen dafür, dass ein Garten nicht nur schön aussieht, sondern auch tatsächlich funktioniert. Diese Vielfalt an Strukturen macht ein Gebiet für verschiedene Arten nutzbar.

Denn Insekten sind keine einheitliche Gruppe. Jede Art bringt andere Ansprüche mit, und genau darin liegt die Herausforderung. Ein Lebensraum, der nur auf eine Optik reduziert ist, bleibt ökologisch oft flach.

Erst ein Mosaik aus Pflanzen, Bodenformen und Mikrostrukturen schafft die nötige Tiefe. Das ist auch der Grund, warum bestimmte Flächen trotz vieler Blüten ökologisch enttäuschen: Sie bieten zu wenig unterschiedliche Lebensmöglichkeiten.

Wer das verstanden hat, erkennt auch den Irrtum hinter vielen allzu einfachen Lösungen. Eine bunte Blumenwiese ist besser als eine Schotterfläche — aber sie ist noch nicht automatisch ein vollständiger Lebensraum.

Damit aus einem schönen Anblick ein funktionierender Insektenraum wird, braucht es mehr als Blüten. Es braucht die Bedingungen, unter denen Tiere dauerhaft leben können, statt nur kurz zu erscheinen.

Was oft missverstanden wird, wenn von „insektenfreundlich“ die Rede ist

Der Begriff „insektenfreundlich“ wird häufig zu eng verwendet. Viele denken dabei zuerst an Blühpflanzen, doch das greift zu kurz. Ein Garten kann voller Blumen stehen und dennoch für viele Arten arm sein, wenn Brutplätze, Struktur und Vernetzung fehlen.

Umgekehrt kann eine weniger aufgeräumte Fläche mit offenen Böden, Totholz und vielfältigen Pflanzenarten deutlich wertvoller sein, da sie unterschiedliche Mikrohabitate in den Garten bringen.. Das wirkt für manche ungewohnt, ist ökologisch aber gut begründet.

Dr. rer. nat. Reji Chacko weist außerdem auf die Bedeutung der Pflanzherkunft hin und empfiehlt: „Einzelpersonen können die Artenvielfalt fördern, indem sie ein vielfältigeres Blütenangebot bereitstellen, insbesondere einheimische Arten, die über alle Jahreszeiten hinweg Nektar, Pollen, Samen und Rückzugsorte für verschiedene Insektenarten bieten. Entscheidend ist dabei, Saatgut aus lokaler Produktion oder Pflanzen mit regionaler Herkunft zu verwenden, anstatt auf handelsübliche „Wildblumenmischungen“, die häufig nicht-einheimische Samen enthalten. Lokale Populationen sind oft genetisch an die örtlichen Bedingungen angepasst und erhalten die regionale Artenvielfalt besser.“

Auch der Eindruck von Ordnung spielt eine Rolle. Schottergärten etwa wirken auf den ersten Blick pflegeleicht und sauber, leisten ökologisch aber fast nichts. Sie heizen sich auf, speichern kaum Wasser und bieten nur wenig Lebensraum.

Anders sieht es bei naturnahen Stein- oder Kiesgärten aus, wenn sie entsprechend bepflanzt und strukturiert sind. Dann können auch mineralische Elemente Teil eines funktionalen Lebensraums sein. Es lohnt sich also, genauer hinzusehen und Begriffe nicht zu verwechseln.

Nicht die Oberfläche entscheidet, sondern die tatsächliche ökologische Leistung. Dr. rer nat. Marco Moretti bringt die kritische Bewertung auf den Punkt: „Herkömmliche Schottergärten sind in der Regel so angelegt, dass sie spontanes Pflanzenwachstum verhindern, oft mithilfe von Unkrautvliesen oder verdichteten Schichten, die den Boden teilweise abdichten. Sie bieten kaum Lebensraum, tragen zur städtischen Wärmeentwicklung bei, verringern die Wasserversickerung und leisten nur sehr wenig für die Biodiversität. Aus diesem Grund verbieten viele Städte sie.“

Für die öffentliche Debatte ist das wichtig, weil Missverständnisse oft gute Ansätze verdrängen. Wer nur das sichtbare Blütenbild bewertet, übersieht die eigentlichen Funktionen eines Lebensraums. Für Insekten zählt nicht der erste Eindruck, sondern die Summe der ökologischen Angebote.

Genau deshalb ist es sinnvoll, den Begriff „insektenfreundlich“ immer auf seine tatsächliche Wirkung hin zu prüfen. Ergänzend erläutert Dr. rer. nat. Marco Moretti eine einfache Methode, mit der sich die Vielfalt im eigenen Garten entdecken lässt: „Am besten entdeckt man die Vielfalt der Insekten im Garten, indem man gezielt unterschiedliche Lebensräume und Nahrungsquellen beobachtet: Blüten, Totholz, Kompost, reifes Obst, kleine Brachflächen oder offene Bodenstellen. Hilfreich ist auch ein einfaches weißes Tuch — oder gelbe Servietten — an einem sonnigen, warmen und windstillen Tag auszulegen. Nach kurzer Zeit lassen sich oft verschiedene Insekten beobachten, die darauf landen.“

Was diese Forschung für den Umgang mit Stadtgrün bedeutet

Die Forschung zeigt ein klares Bild: Stadtgrün ist dann besonders wirksam, wenn es nicht als Dekoration, sondern als multifunktionlle grüne, blaue und auch schwarze Infrastruktur (um Insekten gegen Lichtverschmutzung zu schützen) verstanden wird. Das bedeutet nicht, dass jeder Garten denselben Zweck erfüllen muss. Aber es bedeutet, dass private und öffentliche Flächen zusammen gedacht werden sollten und das auch die eine oder andere Hecke wachsen darf.

Eine Stadt, die Bestäuber erhalten will, muss mehr leisten als Blühversprechen. Sie muss Lebensräume so organisieren, dass sie für unterschiedliche Arten wirklich nutzbar sind. Dabei sind nicht nur Flächengröße und Blütenreichtum relevant, sondern auch Erreichbarkeit, Kontinuität und die Verteilung von Funktionen im Stadtgefüge.

Wichtig ist vor allem die Perspektive auf das Ganze. Solitäre Wildbienen, Hummeln, Schwebfliegen und Käfer haben unterschiedliche Bedürfnisse. Manche kommen mit kleinen Inseln zurecht, andere brauchen zusammenhängende Räume oder dunkle Hecken.

Wer urbane Biodiversität stärken möchte, muss diese Unterschiede ernst nehmen. Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung — und zugleich die Chance. Denn wenn Städte verschiedene Anforderungen berücksichtigen, können sie für deutlich mehr Arten wertvoll werden, als oft angenommen wird.

Die Frage nach seltenen Arten und ihrem Schutz in Gemeinschaftsgärten beantwortet Dr. rer nat. Reji Chacko nüchtern: „Aus meiner eigenen Arbeit habe ich dazu nur begrenzte direkte Erfahrung. Ich würde aber vermuten, dass der gezielte Schutz seltener oder bedrohter Arten in Nachbarschafts-, Quartier- oder Kleingärten meist nicht im Vordergrund steht. Trotzdem kann es dort immer wieder schöne und unerwartete Funde seltener Arten geben. Solche Arten sind jedoch oft nicht einfach zu erkennen; häufig braucht es dafür Fachwissen oder eine genauere Bestimmung.“

Denn die gute Nachricht lautet: Städte sind nicht grundsätzlich naturfeindlich. Sie können erstaunlich artenreich sein, wenn ihre Flächen nicht gegeneinander, sondern miteinander wirken. Dann werden aus einzelnen Blumen nicht nur schöne Farbtupfer, sondern Teil eines lebendigen Systems.

Das macht Stadtgrün nicht nur ökologisch relevant, sondern auch widerstandsfähiger gegenüber Hitze, Trockenheit und dem Verlust biologischer Vielfalt.

Fazit: Blumen helfen — aber erst das Ganze macht die Stadt lebendig

Blumen sind für Insekten unverzichtbar, doch sie sind nur ein Baustein. Die Stadt wird erst dann wirklich insektenfreundlich, wenn Nahrung, Struktur, Vernetzung und Lebensraum zusammenkommen.

Die Zürcher Studie macht deutlich, dass blütenreiche Gärten bestimmten Bestäubern helfen, andere aber nicht erreichen. Einige Wildbienen, darunter Hummeln, können selbst in dichten Quartieren profitieren, Schwebfliegen und Käfer brauchen dagegen mehr zusammenhängende Grünflächen und zusätzliche Habitatstrukturen.

Wer Insekten in der Stadt fördern will, sollte deshalb über die einzelne Blüte hinausdenken. Ein guter Garten ist wertvoll, ein vernetztes Quartier noch wertvoller. Die Zukunft der urbanen Biodiversität liegt nicht in der perfekten Einzelmaßnahme, sondern in der Qualität des gesamten ökologischen Gefüges.

Genau dort entscheidet sich, ob Städte Lebensräume bleiben — oder wieder zu bloßen Kulissen werden.

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