El Niño ist kein exotischer Randbegriff aus der Klimaforschung, sondern ein Schlüsselmechanismus des Erdsystems. Gemeint ist die warme Phase des ENSO-Systems, also der „El Niño-Southern Oscillation“ im tropischen Pazifik. Unter normalen Bedingungen treiben Passatwinde warmes Oberflächenwasser von Südamerika nach Westen in Richtung Indonesien und Australien. Gleichzeitig steigt vor der Küste von Peru, Ecuador und Chile kaltes, nährstoffreiches Tiefenwasser auf. Genau dieser Auftrieb macht die Küstengewässer dort besonders fischreich und stützt ganze Küstenökosysteme und Fischereiwirtschaften.
Sobald sich die Passatwinde abschwächen oder ihre Richtung verändern, kippt dieses Gleichgewicht. Dann verlagert sich die Wärme zurück in den Zentral- und Ostpazifik, die Meeresoberfläche erwärmt sich vor Südamerika, und die gewohnten Niederschlagsmuster geraten aus der Spur. Wolken und Regen verlagern sich dorthin, wo sie sonst seltener sind, während an anderen Orten Trockenheit zunimmt. Genau darin liegt die globale Bedeutung von El Niño: Das Phänomen bleibt nicht im Pazifik, sondern wirkt über Fernwirkungen in viele Regionen der Erde hinein.
Das Grundprinzip von El Niño
Prof. Dr. Mojib Latif, Klimaforscher am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel und Professor an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, ordnet das Grundprinzip klar ein: „El Niño ist ein natürliches Phänomen, was alle paar Jahre auftritt. Und da hat der Mensch erst mal gar nichts mit zu tun. Wenn man sich die Aufzeichnungen der letzten Jahrzehnte oder Jahrhunderte anguckt, sieht man einfach, dass es immer diese Ereignisse gegeben hat.“
El Niño entsteht nicht durch einen einzelnen Auslöser, sondern durch ein gekoppeltes Zusammenspiel von Ozean und Atmosphäre. Entscheidend sind die Passatwinde, die Walker-Zirkulation und der Wärmespeicher im oberen Ozean. Über Monate hinweg kann sich unter der Meeresoberfläche bereits ein starkes Erwärmungssignal aufbauen, lange bevor es an der Oberfläche sichtbar wird. Deshalb ist der Zustand des Ozeans oft schon früh ein Hinweis darauf, wohin sich das System bewegt.
Besonders wichtig ist der Wärmegehalt der oberen rund 300 Meter im äquatorialen Pazifik. Wenn dort viel Energie gespeichert ist, kann ein späterer atmosphärischer Impuls die Entwicklung eines El Niño verstärken. Solche Impulse sind etwa West-Wind-Bursts, also plötzliche westliche Windstöße im tropischen Pazifik. Sie können von tropischen Wirbelstürmen ausgelöst werden und wiederum Kelvinwellen in Gang setzen. Diese ozeanischen Wellen drücken kaltes Wasser im Ostpazifik nach unten und öffnen damit den Weg für das warme Wasser aus den oberen Schichten an die Oberfläche.
Warum El Niño so schwer vorherzusagen ist
Gerade dieser Mechanismus macht El Niño so schwer vollständig vorherzusagen. Der Ozean liefert das Potenzial, die Atmosphäre entscheidet über den Verlauf. Ist die Kopplung stark genug, kann ein vergleichsweise moderates Anfangssignal zu einem ausgeprägten Ereignis anwachsen. Bleibt die Atmosphäre aber unruhig oder schwach gekoppelt, kann sich die Entwicklung auch wieder abschwächen. Deshalb sind frühe Warnungen wichtig, aber ihre Stärke muss immer mit Vorsicht gelesen werden.
Die aktuelle Lage im tropischen Pazifik spricht deutlich für ein sich entwickelndes El-Niño-Ereignis. Die Meeresoberflächentemperaturen steigen seit Wochen, besonders im östlichen und zentralen äquatorialen Pazifik. Auch unterhalb der Oberfläche ist der Wärmegehalt in den oberen Wasserschichten ungewöhnlich hoch. Das ist kein Zufallsmuster, sondern ein klassisches Vorzeichen für ein anlaufendes El Niño.
Dr. Karsten Haustein, Klimawissenschaftler mit Schwerpunkt atmosphärische Variabilität und Extremwetter am Institut für Meteorologie, Universität Leipzig, beschreibt die Lage sehr konkret: „Tatsächlich rütteln die Meeresoberflächentemperaturen seit Mitte März am Rekord von 2024. Insbesondere der subäquatoriale Nordostpazifik, westlich von Mexiko, ist sehr warm. Der tropische Ostpazifik (Niño-1.2-Region) ist mittlerweile bereits substanziell durch den kommenden El Niño erwärmt. Etwas weniger im Vergleich zu 1997 oder 2023, jedoch mit einer ähnlichen Dynamik. In der Niño-3.4-Region liegen die Werte dagegen zumindest über denen von 2023.“
Ein Ozean unter Spannung
Auffällig ist dabei nicht nur der Pazifik selbst, sondern die gesamte Ozeansituation. Weltweit liegen die Meeresoberflächentemperaturen auf außergewöhnlich hohem Niveau. Genannt werden unter anderem der Nordpazifik, Teile des Nordatlantiks, das Mittelmeer und das Europäische Nordmeer. Das heißt: El Niño tritt nicht in ein neutrales Ozeansystem ein, sondern in ein bereits deutlich erwärmtes Grundmuster. Genau das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich Temperaturrekorde und marine Hitzewellen weiter häufen.
Prof. Dr. Johanna Baehr, Leiterin der Forschungsgruppe Klimamodellierung am Institut für Meereskunde und Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg, betont die globale Dimension: „Die globalen Meeresoberflächentemperaturen lagen im April 2026 erneut auf außergewöhnlich hohem Niveau. Für den Bereich zwischen 60 Grad Süd und 60 Grad Nord wurde mit durchschnittlich 21,00 Grad Celsius der zweithöchste je gemessene Aprilwert registriert – nur knapp unter den 21,04 Grad Celsius des Jahres 2024.“ Und sie ergänzt: „Im April 2024 fielen die Messungen von 21,04 °C mit dem damals auslaufenden El-Niño-Ereignis zusammen. Im April 2026 zeigt sich hingegen im äquatorialen Pazifik der Übergang in Richtung eines El-Niño-Ereignisses inzwischen deutlich: Bereiche mit noch vor wenigen Wochen durchschnittlichen oder leicht unterdurchschnittlichen Meeresoberflächentemperaturen zeigen nun weitgehend überdurchschnittlich warme Temperaturen. Damit erscheint es möglich, dass die Meeresoberflächentemperaturen im weiteren Jahresverlauf über die Werte von 2024 steigen.“
Grenzen der Vorhersage
Die Vorhersagbarkeit von El Niño ist heute zwar besser als früher, aber sie hat klare Grenzen. Der Grund liegt in der saisonalen Struktur des ENSO-Systems. Im Frühjahr ist die Kopplung zwischen Ozean und Atmosphäre schwächer, und kleine Zufallsschwankungen können die Entwicklung noch beeinflussen. Erst im Verlauf des Sommers und Herbstes wird das Signal stabiler. Deshalb lässt sich die Richtung meist früher erkennen als die endgültige Stärke.
Genau an diesem Punkt liegt die große Unsicherheit. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich ein El-Niño-Ereignis ausbildet. Unklar ist aber, ob es schwach, moderat, stark oder sehr stark ausfällt. Der Begriff „Super-El Niño“ ist deshalb zwar in der öffentlichen Debatte verbreitet, wissenschaftlich aber nur mit Vorsicht zu verwenden. Er beschreibt kein eigenes Naturgesetz, sondern eine besonders starke Ausprägung eines ohnehin variablen Phänomens.
Prof. Dr. Johanna Baehr bringt den Kern auf den Punkt: „Ein El-Niño-Ereignis entsteht durch das Zusammenspiel von Atmosphäre und Ozean. Der Zustand des Ozeans weist derzeit sehr deutlich in Richtung eines aufkommenden El-Niño-Ereignisses. Die Frage ist daher weniger, ob sich ein El-Niño-Ereignis entwickelt, sondern eher, wann ein solches Ereignis einsetzt und wie stark es ausfallen wird.“
Hinzu kommt: Frühere Modellvorhersagen haben El Niño oft eher überschätzt als unterschätzt. Das bedeutet nicht, dass die aktuelle Entwicklung harmlos wäre. Es bedeutet nur, dass die Atmosphäre sich kurzfristig auch wieder anders entwickeln kann, als es die jüngsten Ozeanwerte vermuten lassen. Wer seriös über El Niño spricht, muss daher zwischen Eintrittswahrscheinlichkeit und Intensität unterscheiden. Beides ist wichtig, aber nicht dasselbe.
Prof. Dr. Dietmar Dommenget, Professor an der School of Earth, Atmosphere and Environment, Faculty of Science, Monash University, Melbourne, Australien mit Schwerpunkt ENSO-Dynamik, verweist genau auf diese Unsicherheit: „El Niño entwickelt sich in den Monaten von Mai bis Oktober, meist gut vorhersagbar aufgrund von starken Wechselwirkungen zwischen den Meeresoberflächentemperaturen, den Winden und der Schichtung des oberen äquatorialen, pazifischen Ozeans. In den Monaten davor (Februar bis April) sind diese Wechselwirkungen viel schwächer, was zu eher chaotischen, unvorhersehbaren Entwicklungen führt.“
Regionale Folgen rund um den Pazifik
Die typischen Folgen eines El Niño sind regional sehr unterschiedlich, aber das Grundmuster ist gut bekannt. In Südamerika steigt die Gefahr von Starkregen, Überschwemmungen und Erdrutschen, besonders an der Westküste und in Gebieten westlich der Anden. Städte und Hänge reagieren dort empfindlich auf lang anhaltende Niederschläge, weil die Böden große Wassermengen oft nicht aufnehmen können. Auch in Ecuador und Peru gehören schwere Regenfälle zu den klassischen El-Niño-Folgen.
Anders sieht es in Australien, Indonesien und Südostasien aus. Dort geht El Niño oft mit Trockenheit, Hitzestress und einer erhöhten Waldbrandgefahr einher. Wenn Regen ausbleibt, werden Wasserreserven knapp, Ernten leiden und ganze Regionen geraten unter Druck. Dasselbe gilt in Teilen des südlichen Afrikas und in Ostafrika, wo schon kleine Verschiebungen der Regenzeiten große Folgen haben können. In einigen Jahren verstärken sich dort natürliche Trockenphasen durch El Niño erheblich.
Prof. Dr. Andreas Fink, Leiter der Arbeitsgruppe Tropische Meteorologie des Instituts für Meteorologie und Klimaforschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), erklärt den Zusammenhang mit den Fernwirkungen so: „Je nachdem, ob es eher ein Eastern- oder Central-Pacific-El-Niño wird (Eastern-Pacific-El-Niño bezeichnet eine Erwärmung des Oberflächenwassers im östlichen tropischen Pazifik vor der Küste Südamerikas; Central-Pacific-El-Niño hingegen eine Erwärmung im zentralen äquatorialen Pazifik; Anm. d. Red.) – derzeit sieht es so aus, als könnte es sich zum Central-Pacific-El-Niño entwickeln -, hat man globale Telekonnektionsmuster (Fernwirkungen durch Kopplungen zwischen Luftdruck-, Temperatur- oder Zirkulationsmustern in verschiedenen Weltregionen; Anm. d. Red.), die verheerende Dürren und massive Überschwemmungen auslösen.“
Die Landwirtschaft und die Versorgungssysteme sind ebenfalls betroffen. Niederschlagsdefizite über mehrere Monate können Ernteausfälle, Preissteigerungen und soziale Belastungen auslösen. In Regionen mit ohnehin knappen Ressourcen werden daraus schnell Versorgungskrisen. El Niño ist deshalb nicht nur ein meteorologisches Phänomen, sondern auch ein Risiko für Ernährung, Gesundheit und Infrastruktur.
Besonders sichtbar werden die Folgen im Meer selbst. Vor der Küste von Peru und Chile schwächt El Niño den Auftrieb des Humboldtstroms ab. Normalerweise bringt dieser kaltes, nährstoffreiches Wasser an die Oberfläche und schafft ideale Bedingungen für Fischerei und Küstenökologie. Wenn dieser Mechanismus zusammenbricht, sinkt der Fischreichtum. Seevögel, Robben und andere Arten, die auf dieses Nahrungsnetz angewiesen sind, geraten unter Druck. Damit trifft El Niño auch die Meeresökosysteme direkt.
El Niño und die globale Temperatur
El Niño verschiebt Wärme nicht nur regional, sondern beeinflusst die globale Mitteltemperatur. Wenn mehr Wärme aus dem tropischen Pazifik an die Atmosphäre abgegeben wird, steigen die weltweiten Durchschnittswerte kurzfristig an. Das klingt zunächst gering, ist aber klimatologisch erheblich, weil solche Zehntelgrade den Unterschied zwischen einem Rekordjahr und einem noch heißeren Jahr ausmachen können.
Prof. Dr. Mojib Latif erklärt den Mechanismus so: „Dieses Phänomen beeinflusst eben das Klima in vielen Regionen der Erde. Kurzfristig, also nicht langfristig. Und meistens gibt’s dann auch einen Temperaturrekord, was die globale Mitteltemperatur angeht, weil sich eben große Teile des Erdballs dann mit erwärmen, nicht nur im tropischen Pazifik.“
Und zur Kopplung mit der fortschreitenden Erwärmung sagt er: „Wir haben ja die globale Erwärmung, die geht langsam immer weiter voran. Man sieht es aber nicht immer an der Oberfläche. Und deswegen, wenn so ein El Niño-Ereignis auftritt, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass wir einen neuen Temperaturrekord weltweit im globalen Durchschnitt bekommen.“
Entscheidend ist dabei der Grundzustand des Klimasystems. Die Erde ist bereits deutlich wärmer als noch vor wenigen Jahrzehnten. Treibhausgasemissionen bleiben hoch, und die zusätzliche Erwärmung durch El Niño wirkt auf diesem bereits angehobenen Niveau. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit neuer Temperaturrekorde und intensiver mariner Hitzewellen. Anders gesagt: El Niño erzeugt die Erwärmung nicht allein, aber er verstärkt sie kurzfristig auf einem schon belasteten System.
Prof. Dr. Thomas Frölicher, Professor für Klima und Umweltphysik an der Universität Bern, fasst diesen Zusammenhang zusammen: „Während 2024 stark durch El Niño geprägt war, befinden wir uns derzeit noch in einer neutralen Phase der ENSO-Zirkulation, allerdings mit hoher Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung eines neuen El Niño in den kommenden Monaten. Da der Ozean durch den menschengemachten Klimawandel bereits stark erwärmt ist, wird ein El Niño die globale Erwärmung zusätzlich verstärken und die Wahrscheinlichkeit neuer Temperaturrekorde sowie intensiver mariner Hitzewellen deutlich erhöhen.
Für 2026 und 2027 bedeutet das: Selbst wenn El Niño nicht als „Super“-Ereignis ausfällt, kann die globale Temperatur sehr hoch bleiben. Sollte sich ein starkes Ereignis entwickeln, ist ein neuer Rekord für 2027 durchaus wahrscheinlich. Dabei wäre der Rekord nicht allein das Ergebnis des El Niño, sondern Ausdruck eines Klimasystems, das bereits an seiner thermischen Obergrenze arbeitet.
Der europäische Bezug
Für Europa ist El Niño kein direkter Wetterlenker wie für den tropischen Pazifik. Der Einfluss ist schwächer, indirekter und von vielen anderen Prozessen überlagert. Vor allem der Atlantik spielt für Europas Wetter eine größere Rolle als der Pazifik. Deshalb lassen sich aus einem El-Niño-Ereignis keine belastbaren Aussagen über einen konkreten Sommer in Deutschland, Frankreich oder Polen ableiten.
Trotzdem gibt es indirekte Zusammenhänge, die in der Forschung diskutiert werden. Im Winter kann El Niño die Nordatlantik-Oszillation beeinflussen, also ein wichtiges Druckmuster über dem Nordatlantik. Dadurch können sich Wahrscheinlichkeiten für feuchtere Bedingungen in Südeuropa oder trockenere Bedingungen in Nordeuropa verschieben. Auch Kaltlufteinbrüche in Nord- und Mitteleuropa wurden in einigen Studien mit El Niño in Verbindung gebracht. Doch diese Zusammenhänge sind schwach und im Alltag oft vom normalen Wetterrauschen überlagert.
Dr. Daniela Matei, aus der Forschungsabteilung Klimavariabilität des Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, beschreibt den europäischen Bezug vorsichtig und differenziert: „Der Einfluss von El Niño auf Europa ist komplexer und deutlich weniger direkt als in der Pazifikregion. Im Winterhalbjahr, insbesondere ab Januar, kann El Niño den Polarwirbel beeinflussen und dadurch die Wahrscheinlichkeit häufiger starker Kaltlufteinbrüche in Nord- und Mitteleuropa deutlich erhöhen. Starke und langanhaltende El-Niño-Ereignisse könnten zudem im darauffolgenden Frühjahr und Sommer zu einer verstärkten Erwärmung des tropischen Nordatlantiks sowie zu häufigeren und intensiveren Hitzewellen in Südeuropa beitragen.“
Für die Sommerentwicklung in Europa sind andere Faktoren meist wichtiger, vor allem ungewöhnlich warme Temperaturen im Nordatlantik. Dort können sich Vorläufermuster für Hitzewellen bilden. El Niño ist also nicht der Hauptschlüssel für europäische Sommertemperaturen, aber er kann die globale Grundtemperatur anheben und dadurch indirekt das Ausgangsniveau verändern. Die eigentliche europäische Witterung bleibt dennoch vor allem eine Frage der regionalen Großwetterlage.
Prof. Dr. Mojib Latif ordnet die Reichweite für Europa grundsätzlich zurückhaltend ein: „Das Phänomen heißt ja El Niño. El Niño ist ja Spanisch und heißt das Christkind. Der Höhepunkt wird immer so zur Mitte, also um die Weihnachtszeit erreicht, also im Winter. Das heißt, jetzt im Frühjahr/Sommer kann man eigentlich noch gar keine Auswirkungen erwarten. Und selbst im Sommer werden die Auswirkungen eher schwach sein, weil dann eben die Erwärmung des Pazifiks auch noch schwach ist.“
La Niña und die offene Forschungsfrage
Zum ENSO-System gehört immer auch die kalte Gegenphase La Niña. Auf El Niño folgt häufig eine La-Niña-Phase, in der die Passatwinde verstärkt sind und kaltes Wasser im Ostpazifik dominiert. Früher wurde dieses Wechselspiel oft als eine Art natürlicher Ausgleich verstanden. Heute ist klar: Das System schwankt, aber es folgt keinem einfachen Gleichgewicht mit festen Zeitabständen.
Ob El Niño und La Niña durch den Klimawandel häufiger oder stärker werden, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Beobachtungen und Modelle liefern unterschiedliche Hinweise. Einige Studien sehen eine Tendenz zu stärkeren Ereignissen oder zu mehr zentralpazifischen El-Niño-Mustern. Andere betonen, dass natürliche Variabilität solche Eindrücke ebenfalls erklären kann. Sicher ist nur: Das Verhältnis zwischen Beobachtung, Modell und Zukunftsszenario ist offen und komplex.
Prof. Dr. Daniela Domeisen, Assistenzprofessorin am Departement Umweltsystemwissenschaften, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETHZ), Zürich, und außerordentliche Professorin und Leiterin der Gruppe für atmosphärische Prozesse an der Université de Lausanne, verweist auf diese Forschungslage: „Einige Modelle sagen mit dem Klimawandel vermehrt stärkere El-Niño und zum Teil auch stärkere La-Niña-Ereignisse voraus. Speziell für El Niño sagen verschiedene Studien, dass in Zukunft sogenannte ‚Super-El-Niños‘ auftreten könnten, ähnlich oder stärker als zum Beispiel die extremen El-Niño-Ereignisse in 1997/1998 und 2015/2016, mit potenziell extremen globalen sozioökonomischen Konsequenzen.“
Was sich aber sicher sagen lässt: Selbst wenn Häufigkeit und Stärke nicht eindeutig zunehmen, werden die Folgen in einer wärmeren Welt intensiver. Ein El Niño in einem bereits aufgeheizten Klimasystem wirkt anders als ein El Niño vor mehreren Jahrzehnten. Die gleichen Verschiebungen im Pazifik können dann stärkere Dürren, heftigeren Starkregen und größere Temperaturspitzen auslösen. Die Welt ist also nicht nur wärmer, sondern auch empfindlicher gegenüber denselben natürlichen Schwankungen.
Gerade bei El Niño ist es wichtig, Unsicherheit nicht mit Unwissen zu verwechseln. Die Forschung kann den Eintritt eines Ereignisses heute relativ gut erkennen. Sie kann auch viele typische Auswirkungen benennen. Was sie nicht exakt vorhersagen kann, ist die endgültige Stärke und die konkrete regionale Wirkung. Das ist kein Defizit der Wissenschaft, sondern Ausdruck eines komplexen, chaotischen Klimasystems.
Prof. Dr. Mojib Latif formuliert die Kommunikationsprobleme so: „Vieles wird durcheinandergebracht, weil viele, die schreiben, ja auch keine Experten sind, und deswegen geht unheimlich viel in den Medien durcheinander.“
Für die Einordnung hilft ein nüchterner Blick: Ein starker El Niño ist kein Katastrophenszenario, aber ein Ereignis mit erhöhtem Risiko für Extremwetter, Versorgungskrisen und Temperaturrekorde. Ein schwächeres Ereignis kann regional trotzdem schwere Folgen haben. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob ein spektakulärer Begriff in die Schlagzeilen passt, sondern welche realen Veränderungen im Pazifik, in der Atmosphäre und in den betroffenen Regionen tatsächlich zu erwarten sind.
Prof. Dr. Mojib Latif fasst die zeitliche Reichweite und ihre Einordnung so zusammen: „Viel wichtiger, finde ich jedenfalls, ist die langfristige globale Erwärmung, die sich über Jahrzehnte entwickelt. Diese kurzfristigen Schwankungen innerhalb von ein paar Jahren, die ja auch nicht lange anhalten – so ein El Niño-Ereignis, die Auswirkungen werden vielleicht ein halbes Jahr oder ein dreiviertel Jahr anhalten, aber länger nicht, dann sind sie weg.“
El Niño bleibt damit ein Lehrbeispiel für das Zusammenspiel von Naturvariabilität und menschengemachter Erwärmung. Es zeigt, wie stark ein natürlicher Klimamechanismus auf einen bereits veränderten Hintergrund trifft. Und es macht sichtbar, warum die kommenden Monate für die Klimaforschung, aber auch für Landwirtschaft, Katastrophenschutz und globale Märkte wichtig bleiben.
Prof. Dr. Mojib Latif ordnet auch die Vermittlung im Unterricht ein: „El Niño und La Niña sind natürliche Phänomene, die alle paar Jahre auftritt. Unregelmäßig zwar, aber schon alle zwei bis sieben Jahre. Das ist einfach Teil der natürlichen Schwankungsbreite, die es gibt. Wenn man über Südamerika zum Beispiel im Unterricht was macht, kann man auch über El Niño sprechen, weil das eben für die Region doch ziemliche Auswirkungen hat. Aber das ist es dann auch.“
Fazit
El Niño ist ein global relevantes Klimaphänomen, das im tropischen Pazifik entsteht, aber weit über diesen Raum hinaus wirkt. Aktuell sprechen die Daten klar für die Entwicklung eines neuen Ereignisses. Ob daraus ein starker oder sogar sehr starker El Niño wird, entscheidet sich erst im weiteren Jahresverlauf. Sicher ist bereits jetzt: Die Ozeane sind außergewöhnlich warm, die globale Mitteltemperatur steht unter zusätzlichem Druck, und die Folgen für Niederschläge, Dürren, Überschwemmungen und marine Ökosysteme können erheblich sein.
Für Europa bleibt der direkte Einfluss begrenzt, für die Welt insgesamt aber ist El Niño ein wichtiges Signal. Er zeigt, wie eng natürliche Klimaschwankungen und menschengemachte Erwärmung inzwischen miteinander verflochten sind. Genau deshalb lohnt sich der Blick auf das Phänomen nicht nur aus wissenschaftlichem Interesse, sondern auch als Frühwarnung für ein Klima, das immer stärker unter Spannung steht.
